…und jedes Mal, wenn Ihr an dem Feld vorbeikommt, in dem Ihr Eure Vorfahren beigesetzt habt,

schaut richtig hin,

und Ihr werdet Euch und Eure Kinder Hand in Hand tanzen sehen.

Khalil Gibran (1883 - 1931)

 

Was ist „Festhalten“?

Festhalten ist ein den ganzen Menschen - Körper, Seele und Geist – umfassender Weg die Lebensbeziehung zwischen Menschen, die aneinander gebunden sind, zu klären. Konflikte, die allein sprachlich nicht zu bewältigen sind, können im Festhalten ausgetragen werden, um die gegenseitige Liebe zu erneuern. Die Beteiligten halten sich in enger Umarmung fest: Eltern ihr Kind, Partner einander. Dabei werden Gefühle – auch unangenehme – wahrhaftig und mit ganzer Kraft ausgedrückt (Prekop, 1989).

Ziele:

  • Erziehung im Umgang mit Gefühlen
  • emotionale Konfrontation und Konfliktbewältigung
  • zulassen von Wut, Ärger, Trauer, Verletzung
  • gegenseitiges Hineinfühlen (Empathie für sich und das Gegenüber)
  • Wiederherstellung der Bindung
  • Erneuerung der Liebe
  • Geborgenheit (weil wir uns auf die vorbehaltlose Liebe verlassen können)

 

Vier Arten der Festhaltetherapie

 

1. Bindung zwischen Mutter und Kind oder Vater und Kind

(auch im erwachsenen Alter des Kindes)

Dabei halten Eltern ihr Kind in enger Umarmung fest. Sie geben die Aussagen oder die vom Kind geäusserten Gefühle wieder, die emotional stark geladen sind. Hören also mit ihrem ganzen Wesen zu und sind voll für ihr Kind da. Die innige Umarmung bietet die Chance einer direkten unmittelbaren Konfrontation zwischen Eltern und Kindern. Auch die Eltern äussern ihre auf das Kind bezogenen Gefühle und Gedanken klar und eindeutig, ohne dabei die elterliche Haltung und Würde zu verlieren. Denn, je öfter es den Eltern gelingt und je mehr sie sich in das Kind einfühlen, desto sicherer fühlen sie sich selber. Die Bindung, welche im Verlaufe des Zusammenlebens Schaden erlitten hat, kann sich erneuern. Die Welt wird mit neuen Augen gesehen und die erneuerte Liebe kann zwischen den beiden wieder frei hin und her fliessen.

 

2. Aussöhnungstherapie

Ist ein Festhalten zwischen Eltern und Kindern jedoch nicht direkt möglich, weil die Eltern z.B. bereits tot, zu alt oder nicht willens sind, sich auf einen Festhalteprozess einzulassen, kann das Festhalten stellvertretend mit Hilfe der Aussöhnungstherapie durchgeführt werden. In diesem Fall stellen sich die Teilnehmenden ihre Mutter oder ihren Vater vor, während sie von jemandem (z.B. Mann/Frau/Freundin/Freund) festgehalten werden.

Die Konfrontation mit dem bildhaft vorgestellten Elternteil wird von der Therapeutin oder dem Therapeuten in drei aufeinander folgenden Schritten angeleitet:

Schritt 1: Hinführung in die Kindheit der Klientin/des Klienten

Schritt 2: Bildhaftes Erleben der Kindheit des Elternteils

Schritt 3: Vorstellen einer lösenden Beziehung zwischen Eltern und  erwachsenem Kind, in der Eltern geben und Kinder nehmen.

Die Empathiefähigkeit auf die Eltern bezogen nimmt zu und ein besserer Kontakt zueinander stellt sich ein.

Das Festhalten ist eine wertvolle Ergänzung und Erweiterung zum Familienstellen (Prekop, 1998), weil sie den Personen, die ihre Familie aufgestellt haben, die Möglichkeit bieten, ihren Gefühlen in einer Umarmung freien Lauf zu lassen, so dass der tiefe Schmerz oder auch die Wut ausgedrückt werden können, bis hin zu einer innigen Versöhnung, welche die unterbrochene Hinbewegung zu den eigenen Eltern zu heilen vermag.

Wann darf ein Festhalten nicht durchgeführt werden?

  • bei Absicht, das Festhalten als Erziehungsmittel zum Gehorsam zu benutzen
  • bei chronischer affektiver Ambivalenz („wischi-waschi“ Verhalten) bei den Haltenden
  • bei einer Psychose
  • bei sexuellem Übergriff eines Elternteils, welcher festhalten möchte
  • wenn die Haltenden die heilenden Ordnungen im familiären System nicht anerkennen wollen oder können

 

3. Rückbindung an die Mutter

Die Rückbindung an die Mutter geschieht durch das Wiedererleben der Geburt.

Schwere Geburten und frühe Traumata können oft Ursache sein für unerklärliche Ängste, Panikattacken, Unruhe, Depressionen oder Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Schwere Geburten und unsensible Mutter - Kind - Trennungen sind oft Ursache von Panikattacken im Erwachsenenalter oder von Hyperaktivität bei Kindern.

Durch die Rückbindung mittels dem Wiedererleben des Geburtsvorganges und das sich Finden im Anblick und in den Armen der Mutter danach, wird klar, woher die oft unerklärlichen Symptome stammen. Damit kann die damalige Situation verarbeitet und die Symptome aufgelöst werden.

Auch das vorgeburtliche Geschehen wird mit einbezogen, wodurch unerklärbare Verlustängste und Melancholie bis hin zu Depressionen erklärt werden können, welche beispielsweise mit einem früh abgegangenen Zwilling zu tun haben können. Durch das Widererleben wird nun dieser Verarbeitungsprozess mit therapeutischer Hilfe nachgeholt.

 

a) Bei Kindern und Babys ist mindestens die Mutter auch dabei, um ihr Kind zu halten und zu unterstützen. Das Kind merkt sofort, wenn es mit seinem Schrei und Schmerz das Wesen und das Herz der Mutter erreicht. Die Mutter ihrerseits braucht lediglich punktuelle Hinweise, damit sie sich dem Kind emphatisch zuwenden kann.

b) Bei Erwachsenen führt die Beraterin die betroffene Person in der Zeit zurück, bis sie beim traumatisierten Erlebnis angelangt ist. Handelt es sich dabei um die Geburt, geht man auch hier zurück bis vor die Geburt. Dies funktioniert ohne grosse Anstrengung. In Bildern reist man in der Zeit zurück und bleibt dabei bewusst und wach. Da es beim Wiedererleben nicht um das kognitive Gedächtnis geht, sondern um Gefühle, Bilder und Körperwahrnehmung, ist es auch möglich, ohne Schwierigkeiten in die Vergangenheit bis zur eigenen Geburt zu reisen oder bis zu dem Alter, wo das Ereignis stattfand. Ist man dann bei dem traumatischen Ereignis angelangt, führt die Therapeutin die betroffene Person durch das Ereignis mit allen Bildern, Gefühlen und auch Gedanken bis man das Ganze noch einmal durchlebt hat. So ist das Erlebnis am Schluss zwar noch eine Tatsache aber die Gefühle können nun nachträglich verarbeitet und losgelassen werden, so dass sie das jetzige Leben nicht mehr beeinträchtigen. Für mehr Informationen s. unter Angebote Lifespan-Integration (LI)

 

4. Paarfesthalten inkl. Trennungsfesthalten

In seinem Buch Liebe auf den zweiten Blick schreibt Bert Hellinger (2002) über die Paarbeziehung folgendes:

„Die Paarbeziehung ist das Grösste und Wichtigste, was es gibt. Wir alle entstammen einer Paarbeziehung. In ihr wird das Leben weiter gegeben. Sie ist die Voraussetzung für die Weitergabe des Lebens (…) Die Paarbeziehung ist das, was uns am meisten formt, durch die Paarbeziehung werden wir nämlich erzogen. In ihr geben wir Schritt für Schritt  unsere Illusion auf und sind gerade dadurch mit etwas Grösserem verbunden (S. 16).“

Die Konfrontation im „Paar – Festhalten“ bietet die Gelegenheit,  die Trauer und die Wut über nicht mehr funktionierende Illusionen auszudrücken, sich und den Partner also direkt auf der Gefühlsebene besser kennen zu lernen und vielleicht  zum ersten Mal anzuerkennen, dass der/die andere, obwohl verschieden, ebenbürtig und gleichwertig ist.

Unmittelbar wird das Unterschiedliche aber auch das Verbindende erlebbar und ein „Neuanfang“ ist gemacht.

Wann ein Trennungsfesthalten?

  • Paare mit unlösbarem Paarkonflikt als „letztes Mittel“ zum „Neuanfang“
  • “Seitensprung“ eines Partners: kann die Funktion der Aussenbeziehung in die Paarbeziehung „zurückgeholt“ werden?
  • Getrennt lebendes Paar: ein oder beide Partner haben neue Partner und die neue Beziehung ist belastet
  • Scheidungskrisen: Sorgerechtsstreit um die Kinder, Unterhaltsstreit oder Zerrissenheitskrisen der  Kinder
  • Trennung ist klar und fixiert (z.B. durch Kind in neuer Beziehung): Anerkennung des Gemeinsamen aktiver Abschied und Beginn der Trauerarbeit.

 

Haltgebende Erziehung

Wir, Brigitte Hannig (Hebamme) (Harms Th. (Hrsg.) (2000) und ich, Alice Haller Berger, entwickelten aus den Gedanken, die dem Festhalten zu Grunde liegen und denjenigen, die uns aus dem „Thomas Gordon Modell“ bekannt waren, „die Haltgebende Erziehung“.

Im Beratungsalltag und auch auf erziehungsgeschichtlichem Hintergrund, begegneten wir zunehmend Eltern, die obwohl durchaus „Gordon-Wissen“ vorhanden war, ihren Kindern keine Grenze mehr zu setzen vermochten.

Wir lernten zu unterscheiden, dass das Festhalten zwar zur Klärung für alle Beziehungsfragen relevant und wirkungsvoll war, aber dass wir den Eltern für den Erziehungsalltag auch eine wirksame Unterstützung mitgeben wollten. So entstand die Haltgebende Erziehung.

Sieben Grundelemente der Haltgebenden Erziehung stellen sich wie folgt dar:

  • Eltern achten die elementaren Bedürfnisse sowohl des Kindes als auch die ihren.
  • Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht ernst nehmen, tun andere es auch nicht. Orientierung und Sicherheit, gewinnen durch Regeln, Rhythmus und Konsequenz.
  • Die Eltern setzen Grenzen durch Einschränkung von Raum, Zeit, und materieller Wunscherfüllung. Sie hören nach der Konfrontation dem Kind aktiv und vorbehaltlos, wertfrei und empathisch zu.
  • Das Kind wird in seiner emotionalen Befindlichkeit/ Frustration geachtet. Es lernt von Anfang an, sich seinen Gefühlen und auch den schmerzhaften Seiten des Lebens zu stellen.
  • Unter Beachtung der Familienhierarchie  unterscheiden Eltern zwischen verschiedenen Arten von Macht, beschützende und bestrafende und die Folgen daraus.
  • Erziehung zum Umgang mit Gefühlen.
  • Eltern unterscheiden zwischen Beziehungsarbeit und Erziehungsarbeit.

 

Literatur:

Bowlby J. (1953/1995). Mutterliebe und kindliche Entwicklung. Basel: Reinhhardt.
Brink, O. (2001). Spielregeln der Partnerschaft. Freiburg: Herder Verlag.
Brink, O., Quasebarth, A., Saltuari, P. (2004). Wie Offenheit die Liebe stärkt. Freiburg: Herder Verlag.
Chamberlain, S., (1997) Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Psychosozial Giessen (ISBN 3-930096-58-7)
Gordon Th. (1978). Familienkonferenz in der Praxis. München: Heyne.
Haim O./von Schlippe A. Autorität ohne Gewalt, Coaching für Eltern von Kindern mit Verhaltensproblemen. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht.
Hellinger, B. (1998). Wie Liebe gelingt. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
Hellinger, B. (2000). Wir gehen nach vorne. Carl-Auer-Systeme Verlag: Heidelberg.
Hellinger, B. (2002). Liebe auf den zweiten Blick. Freiburg: Herder.
Harms Th. (Hrsg.) (2000). Auf die Welt gekommen die neuen Babytherapien. Beitrag B.Hannig, Berlin: U. Leutner Verlag.
Levine, P.A. (1998). Trauma-Heilung. Essen: Synthesis.
Moeller Michael L. (1988). Die Wahrheit beginnt zu zweit, das Paar im Gespräch. Hamburg: ro ro ro.
Petri, S. (1996). Erlebnisgedächtnis und posttraumatische Störung. München: Pfeiffer.
Piaget J. (1974). Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde. Klett Cotta: Stuttgart.
Prekop, J. (1998). Von der geglückten Vermählung des systembezogenen Ansatzes Hellingers mit der
Festhaltetherapie Prekops. Holding Times, 7, 1-5.
Prekop, J. (1988, 1995. 2. Auflage ). Der kleine Tyrann. München: Kösel.
Prekop, J., Hellinger, B. (1998). Wenn ihr wüsstet wie ich euch liebe. München: Kösel.
Prekop, J.,Schweizer Ch. Kinder sind Gäste die nach dem Weg fragen. (2003). 2. Auflage Kösel: München.
Rosenberg, M.B. (2001). Gewaltfreie Kommunikation. (2004) Neuauflage. Paderborn: Jungfermann.
Schützenberger, A.A. (2001). Oh, meine Ahnen. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
Stern D. (1979). Mutter und Kind: Die erste Beziehung. Stuttgart: Klett Cotta.
Solter A. J. (1998). Auch kleine Kinder haben grossen Kummer. München: Kösel.
Ulsamer, G., Ulsamer, B. (2000). Spielregeln des Familienlebens. Freiburg: Verlag Herder.
Heller L., LaPierre A., Autenrieth S., (2013). Entwicklungstrauma heilen: Alte Überlebensstrategien lösen - Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken. München: Kösel

 

Links: